"Altweibersommer"

Im September gibt es häufig ganz unverhofft ein paar warme Tage, den "Altweibersommer". Der Name "Altweibersommer" kommt von den feinen silbern glänzenden Fäden, die an solchen Sonnentagen im Herbst an den  Zweigen hängen und durch die Lüfte schweben wie seidig glänzendes Greisenhaar. Für diese Fäden gibt es eine ganz natürliche Erklärung: Es sind die feinen Fäden von unzähligen Zwergspinnen, die damit durch die Luft segeln. Als die Großeltern von den Großeltern unserer Großeltern  noch Kinder waren, da hatten sie für manches, was um sie herum auf der Erde und in der Luft geschah, keine Erklärungen, wie wir sie heute haben. Aber sie hatten für alles eine Geschichte und einen Namen ...l

Der Herbstwind und seine Großmutter
Der Herbstwind jagt in jedem Jahr abends und nachts seine Großmutter so wild durch den Wald, dass ihr Haarschopf aufgelöst nach allen Seiten flattert. Bricht dann am anderen Tag die Sonne durch, dann schimmern unzählige zarte, weiße Großmutterhaare an den Bäumen und Sträuchern, wo sie hängengeblieben sind. Deswegen können die Menschen den Herbstwind nicht leiden. Sie fliehen davor und schließen sich in ihre Häuser ein. Der Herbstwind rächt sich dafür und rüttelt an Türen und Fenstern. Und er heult und brüllt, die Geschichte mit seiner Großmutter sei ganz und gar erlogen. Die Elfen seien es gewesen, sie hätten die ganze Nacht getanzt, bis der Tag anbrach, dann seien sie beim ersten Strahl ihrer Todfeindin Sonne voller Entsetzen davon gehuscht und ihre hauchfeinen Kleider hätten sich im Gestrüpp verfangen. Der Herbstwind brüllt :"Elfengespinnst ist es, was da herumschwebt, und nicht die Haare von meiner Großmutter, ich hab nämlich keine", und schon heult er aufbrausend um die nächste Ecke...

Aus: "Durch das Jahr durch das Leben", Das christliche Hausbuch der Familie, Kösel Verlag